Schule, Ballett & erste Liebe?

Kaum sind die letzten Klaviertöne von Herrn Lifanov verklungen, stürmt schon die nächste Klasse in den Ballettsaal. Sanna, Qadira, Se Mi, Patty, Taïssia und Tatiana bereiten sich mit Dehnübungen auf das heutige Training vor. Die Mädels sehen aus wie aus dem Ei gepellt: alle mit straffem Dutt und dunkelroten Trikots. Die sechs Schülerinnen sind 12 Jahre alt und gehen in die dritte Klasse der berühmten John Cranko-Ballettschule in Stuttgart. Hier bereiten sie sich auf ihren Traumberuf vor, Tänzerin zu werden.
Das heißt von Montag bis Samstag trainieren, und zwar 2-3 Stunden täglich. Das ist manchmal ganz schön hart und verlangt viel Disziplin. Aber die Mädchen haben ein Ziel und Qadira bringt es auf den Punkt: "Ich bin hier, um Tänzerin zu werden, nicht zum Spaß." Angefangen haben alle schon früh. "Mit vier", sagt Patty. "Babyballett", grinsen die anderen. Taïssia aus Frankreich packte mit zehn die Leidenschaft, nachdem sie mit ihrer Mutter eine Ballettaufführung gesehen hatte. Sie, Patty und Se Mi aus Korea leben im Internat, in dem Kinder aus über zwanzig Nationen untergebracht sind. Die anderen wohnen zu Hause und kommen nur zum Trainieren. Trotzdem fühlen sie sich wie eine große Familie. Und die hält zusammen, wenn ihre "normalen" Klassenkameraden spotten und nicht glauben wollen, was die Mädchen jeden Tag leisten. "Die denken, dass Ballett nur Pipifax ist", meint Sanna kopfschüttelnd.

Woher kommt diese Zielstrebigkeit, die die Schüler - ja, es gibt auch Jungs an der Cranko-Schule - auch mal ein schlechtes Training wegstecken lässt? "Die Kinder spüren: Das ist etwas, was ich machen muss", erklärt Hilke Rath, die selbst zehn Jahre lang am Stuttgarter Ballett tanzte und heute an der John Cranko-Schule zusammen mit neun weiteren Tanzpädagogen rund 140 Schüler unterrichtet.

Aber nicht nur Tanzen steht auf dem Programm: Vormittags gehen alle in die Schule, die meisten ins Katharinen-Stift, nachmittags wird trainiert. Da bleibt nicht viel Zeit, um mit Freundinnen zu bummeln, ins Kino zu gehen oder zu faulenzen. Darf man sich da überhaupt verlieben? Patty träumt: "Ich könnte mir schon vorstellen, einen Freund zu haben, aber groß müsste er sein. "Und auch Ballett tanzen? "Nein", lacht Sanna, "lieber nicht, die ziehen sich oft so schwul an", was die Runde jetzt endgültig zum Prusten bringt.

Und wenn es mit der Karriere als Tänzerin nicht klappt? Da lassen die Mädchen den Kopf nicht hängen. "Mode machen", könnte sich Sanna vorstellen. Patty würde auch Lehrerin werden, "Tanzlehrerin natürlich." Und Tatiana überlegt sich, das Abi zu machen und später Tanz zu studieren.

Bühnenerfahrung sammeln die Elevinnen schon jetzt. Regelmäßig finden Schulaufführungen statt, bei denen möglichst alle Schüler auftreten sollen. Und wie gehen die sechs mit Lampenfieber um? Natürlich sind alle aufgeregt vor einer Aufführung, das legt sich aber, sobald sie zu tanzen beginnen. "Und hinterher, wenn man von der Bühne muss, könnte man darüber heulen, dass es schon vorbei ist", beschreibt Sanna ihr Gefühl.

Nach sechs Jahren Grundausbildung haben alle die Chance, in die Ballettakademie zu kommen. Besteht man die Aufnahmeprüfung, ist die normale Schule vorbei. In der Akademie findet dann die zweijährige Ausbildung zum staatlich geprüften klassischen Tänzer statt. Und dann erfüllt sich vielleicht der Traum von Sanna, Patty, Se Mi, Qadira, Taïssia und Tatiana, einmal auf den großen Bühnen die Giselle zu tanzen.

Nach Abschluss der zweijährigen Ausbildung stehen die Vortanztermine, und wenn man Glück hat, bekommt man als frisch gebackener Absolvent einen Elevenvertrag. Ob man jemals Solistin oder Solist wird, ist zu diesem Zeitpunkt noch völlig offen. "Aber in der Kompanie ist jeder einzelne wichtig. Man kann keinen Schwanensee tanzen, wenn jeder nicht sein Bestes gibt", so Hilke Rath.